Wie bereits erwähnt sollen die letzten Monate im Dom Sierot (speziell: die Ereignisse des Juli 1942) den Ausgangspunkt meiner Darstellung bilden. Eine Zeit äußerster Not. Bereits vor zwei Jahren musste das Waisenhaus ins Ghetto übersiedeln, zunächst in die Chłodna-, dann in die Śliska-Straße. Das lichtdurchflutete Haus in der Krochmalna, das Recht “auf eine eigene Schublade”, die fröhlichen Sommerkolonien im idyllischen “Röschen” – all dies scheint jetzt nur noch ein Traum. Janusz Korczak, ebenso wie seine Mitarbeiter sind verzweifelt. Wie unter diesen Umständen Ruhe bewahren? Wie Trost und Zuversicht spenden? Korczak kommt die Idee, die Kinder ein Theaterstück aufführen zu lassen. Er weiß auch welches: Das Postamt des indischen Dichters Rabindranath Tagore. Ein Theaterstück, das den Kindern bereits bekannt ist – sie haben es schon einmal 1942 zum Pessach-Fest aufgeführt – und das von Amal, einem Jungen erzählt, der schwer krank ist. Der Dorfarzt verbietet ihm, das Haus zu verlassen, und so sehnt sich der Junge danach, in ein Land zu fliegen, “von dem niemand etwas weiß” – ein Land, in das – so erzählt ihm der Nachtwächter – ihn ein Doktor an seiner Hand führen wird, der viel größer ist als der, den er jetzt hat.

Die Kinder sind begeistert. Unter Anleitung von Esther Winogroń, einer jungen Erzieherin, üben sie Tag und Nacht ihre Rollen ein, vergessen dabei Krankheit und Hunger. Indes kreist Korczak unermüdlich im Ghetto umher, auf der Suche nach Essbarem.

Am 18. Juli 1942, um vier Uhr dreißig ist der große Saal im ersten Stock des Waisenhauses zum Bersten voll. Die Truppe spielt – und das, obwohl manches ihrer Mitglieder an hohem Fieber leidet – so überzeugend, dass die Zuschauer wie gefesselt dem Geschehen folgen und dass Korczak an diesem Abend voller Stolz in sein Tagebuch notiert: “Publikumserfolg, Händedrücke, Lächeln, Versuche, ein herzliches Gespräch anzuknüpfen.” Ein letzter Lichtblick in der ausweglosen Situation: Nur vier Tage später, am 22. Juli 1942 beginnen die Nationalsozialisten mit der Deportation der im Ghetto lebenden Juden in das Vernichtungslager Treblinka. Fräulein Esther fällt als erste einer Straßenrazzia zum Opfer.