Mit Und es war auch Liebe im Ghetto erschienen 2009 die bewegenden Erinnerungen Marek Edelmans, des letzten noch lebenden Kommandanten des Aufstands im Warschauer Ghetto. Es ist eines von mehreren Büchern, in denen das Leben an diesem tragischen Ort dank seiner Beteiligung – sei es als Autor oder als Interviewpartner – dokumentiert wird. Und doch ist es einmalig, rückt er hier doch ein Thema in den Fokus, das von der Tragik der Shoah weitest-gehend überschattet wurde: die Liebe.

Auf nahezu 200 Seiten erinnert Edelman an seine Schicksalsgenossen in kurzen, schnörkellosen Anekdoten, in Situationen, aus denen Verzweiflung, Angst und Ratlosigkeit, aber auch Liebe, Hingabe, Hoffnung an ein besseres Morgen und ein unbändiger Überlebenswille sprechen. Nichts wirkt hier konstruiert, begradigt um der Form willen. Viele der polnischen Leser waren überrascht von der Lapidarität, mit der ein Überlebender diese Ereignisse schildert, ohne einen tröstenden Sinn hineinzudeuten. In diesem Buch bleibt die Liebe unerklärlich, ebenso wie das Böse banal. Als Beispiel sei hier Dedas Geschichte zitiert:

Deda, so hieß die Tochter von Frau Tenenbaum, erhielt also eine „Lebensnummer“. So ein kleines, schüchternes Mädchen war allein geblieben. Und plötzlich verliebte sie sich in irgendeinen Jungen. Anscheinend besass sie ein wenig Geld, denn der Junge besorgte ihnen eine Wohnung auf der arischen Seite. Sie blühte vor lauter Liebe auf. Drei Monate lang lebte sie zusammen mit diesem Jungen … Nichts außer Liebe konnte man ihr ansehen. Jeder – und das ohne Ausnahme –, der sie damals sah, sagte, sie würde vor Glück strahlen. Marysia, einer Freundin, die sie besuchte, sagte sie, dass es die glücklichsten Monate ihres Lebens seien. Die Wärme, die ihr der Junge schenkte, ließ sie das Ghetto vergessen. Dieses Glück währte drei Monate. Dann – vielleicht war das Geld aufgebraucht – wurde sie zusammen mit dem Jungen [an die Deutschen] ausgeliefert.

In einem noch im Februar 2009 erteilten Interview sagte der Autor: Ich beschreibe das, was ich gesehen habe und was ich immer noch vor Augen habe. Dass sich die Menschen angesichts schwerster Lebensbedingungen aneinander schmiegten, zusammen lebten und einander liebten. Sie lebten kurz, aber ihr Leben war etwas wert, denn sie lebten in Liebe. [...] Dabei war alles ein Werk des Zufalls. Denn es ist die Liebe, die einen erwählt …

Immer wieder unterstreicht Edelman den subjektiven Charakter seines Berichts: Das polnisch-jüdische Gedächtnis. Es gibt nicht das eine jüdische Gedächtnis. Anders ist die Erinnerung eines jüdischen Polizisten, der seine Frau zum Umschlagsplatz brachte, anders eines jüdischen Polizisten, der seine Frau und sein Kind am Leben erhielt. Anders die Erinnerung eines Kindes, das in einem Kloster überlebte, anders die Erinnerung einer Frau, die in Ruhe auf der so genannten arischen Seite überlebte. Anders wiederum die Erinnerung jener, die Tag für Tag von den “szmalcowniks” erpresst wurden, anders jener, die kämpften, anders jener, die aufs Land geflohen waren, um sich dort zu verstecken. Die Beziehung dieser Menschen zur Vergangenheit ist jedes Mal anders.

Ebenso beeindruckend wie das Buch selbst ist das Foto, das den Buchumschlag der polnischen Ausgabe schmückt [Es bleibt zu hoffen, dass sich der deutsche Verlag auch für dieses Motiv entscheidet]: Es zeigt eine Aufnahme von Roman Vishniac, gemacht 1939 irgendwo in Warschau. Drauf zu sehen – die kleine Sarah, die, weil sie keine Schuhe besass, die ganzen Tage in einem feuchten und kalten Souterrain verbringen musste, eingehüllt in ein Federbett. Um ihr ein wenig Freude zu bereiten, malte ihr Vater Frühlingsblumen an die Wand.