Ahawah heißt Liebe

Diesen schönen Titel trägt die Geschichte des jüdischen Kinder- heims in der Berliner August- straße, das nach dem ersten Weltkrieg Kinder aus armen oder zerrütteten Familien und Waisenkindern aus Osteuropa aufnahm und das dank des fortschrittlichen pädagogischen Konzeptes von Beate Berger zu einer renommierten Institution wurde. Nach dem Machtwechsel 1933 erkannte die Leiterin, dass es unter nationalsozialistischem Regime für ihre Schützlinge keine Zukunft geben konnte. So wurde beschlossen, das Heim nach Palästina zu verlegen. Ein Plan, den im Übrigen auch Korczak hegte. Beate Berger gelang es jedoch, diesen erfolgreich in die Tat umzusetzen.

Die Lektüre dieses Buches schien mir nützlich, um mir ein genaueres Bild von Kinderheimen in der damaligen Zeit machen zu können. Das Buch gibt nicht nur einen guten Einblick in das Erziehungsmodell und die Organisation des Beit Ahawah, sondern auch in die Biographien seiner Schützlinge und Erzieher. Darüber hinaus liefert es interessantes Bildmaterial, das in beeindruckender Weise den Alltag eines Kinderheims festhält und das einige Inspirationen für die graphische Umsetzung meiner Szenographie liefern dürfte.

Annes Baum

Bereits auf der Leipziger Buch- messe ist mir dieses Buch durch sein geschmackvolles Cover auf- gefallen. In Les arbres pleurent aussi erzählt Irène Cohen-Janca die Geschichte Anne Franks aus der Perspektive des mittlerweile 150-jährigen Kastanienbaums, dessen ungestörter Lebenszyklus dem heranwachsenden Mädchen Hoffnung auf ein besseres Morgen schenkte.

Am meisten beeindruckt hat mich hier der wohldurchdachte Mini- malismus von Bild und Text, dank welchem der Vorstellungskraft genügend Platz gelassen wird.

Chère Traudi

Chère Traudi von Anne Villeneuve

Inspiriert vom Leben Kees Vander- heydens, Autors des in Kanada erschienenen Buches La guerre dans ma cour, erzählt Chère Traudi von dessen früher Jugend in Nachkriegsholland. Ein Buch, das trotz des bedrückenden Hin- tergrunds seine heiteren Momente besitzt: Traudi, die als deut- sches Pflegekind die Vander- heydens seit 1948 besucht, wird anfänglichen  Berührungsänsten zum Trotz zur treuen Spielgefähr- tin Kees. Begeistert haben mich an dem Buch vor allem die Illustrationen, die den Krieg ein- fühlsam aus der Perspektive des Kindes zeigen. Interessant ist auch die Proportionierung von Text und Bild. Sollte mein Text wider Erwarten ausufern, wird der Graphiker wohl einen ähnli- chen Weg gehen müssen.

Schwarz auf Weiß – Warschauer Ghetto in Bildern

Beim Schreiben der Szenographie spielt das historische Bildmaterial natürlich eine entscheidende Rolle. Ohne Joe Heydeckers und Heinrich Jösts Fotogra- fien wäre unser Bild vom Leben im Warschauer Ghetto zweifellos unvoll- ständig geblieben. Sie unterscheiden sich grundlegend von den “offiziellen” Bildern, die nicht selten eine Art “Voyerismus”, man könnte beinah sagen, “ethnographischer Blick”, begleitet. Heydeckers und Jösts Bilder sind indes paradox: schonungslos und mitfühlend zugleich.
Auf ihren “Wanderungen” durchs Ghetto begegnen sie den Menschen “auf Augen- höhe” und halten so fest, was den kommenden Generationen verborgen bleiben sollte: grenzenloses Leiden. Sicherlich werden einige dieser erschütternden Bilder die Grundlage für die graphische Ebene meines Buches bilden. Natürlich stellt sich hier die Frage: Wieviel Realität verträgt eine Graphic Novel? Was kann/will man unvermittelt zeigen? Was nur andeuten?

Reportagen aus dem Warschauer Ghetto

Perec Opoczyński, Reportagen aus dem Warschauer Ghetto, übersetzt und kommentiert von Monika Polit, Stowarzyszenie Centrum Badań nad Zagładą Żydów, Warszawa 2009.

Versteckt in zwei Milchkannen und eingemauert in einem Keller, über- dauerten die in diesem Band versam- melten Reportagen die Zerstörung des Warschauer Ghettos. Erst im Jahre 1950 stieß man zufällig bei Bauarbeiten auf die vollgeschriebenen Hefte. Es stellte sich heraus, dass sie Teil des von Emanuel Ringelblum angelegten Archivs Oneg Schabbat waren.

Perec Opoczyński, ein talentierter Autor und Journalist, gelang es hier mit akribischer Genauigkeit den grausamen Alltag im Warschauer Ghetto festzuhalten: die schikanösen “Dampfbäder”, die korrupten oder bloß unfähigen Hauskomitees, den lebens- rettenden Schmuggel und – das sicherlich tragischste Kapitel – das Sterben der Straßenkinder.

Das Schicksal dieser Wehrlosen, denen Korczak trotz seines unermüdlichen Engagements nicht helfen konnte, wird eines der Themen meines Buches sein. Daher bin ich den Herausgebern sehr dankbar, dass sie diese Texte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben.

Und es war auch Liebe im Ghetto

Mit Und es war auch Liebe im Ghetto erschienen 2009 die bewegenden Erinnerungen Marek Edelmans, des letzten noch lebenden Kommandanten des Aufstands im Warschauer Ghetto. Es ist eines von mehreren Büchern, in denen das Leben an diesem tragischen Ort dank seiner Beteiligung – sei es als Autor oder als Interviewpartner – dokumentiert wird. Und doch ist es einmalig, rückt er hier doch ein Thema in den Fokus, das von der Tragik der Shoah weitest-gehend überschattet wurde: die Liebe.

Auf nahezu 200 Seiten erinnert Edelman an seine Schicksalsgenossen in kurzen, schnörkellosen Anekdoten, in Situationen, aus denen Verzweiflung, Angst und Ratlosigkeit, aber auch Liebe, Hingabe, Hoffnung an ein besseres Morgen und ein unbändiger Überlebenswille sprechen. Nichts wirkt hier konstruiert, begradigt um der Form willen. Viele der polnischen Leser waren überrascht von der Lapidarität, mit der ein Überlebender diese Ereignisse schildert, ohne einen tröstenden Sinn hineinzudeuten. In diesem Buch bleibt die Liebe unerklärlich, ebenso wie das Böse banal. Als Beispiel sei hier Dedas Geschichte zitiert:

Deda, so hieß die Tochter von Frau Tenenbaum, erhielt also eine „Lebensnummer“. So ein kleines, schüchternes Mädchen war allein geblieben. Und plötzlich verliebte sie sich in irgendeinen Jungen. Anscheinend besass sie ein wenig Geld, denn der Junge besorgte ihnen eine Wohnung auf der arischen Seite. Sie blühte vor lauter Liebe auf. Drei Monate lang lebte sie zusammen mit diesem Jungen … Nichts außer Liebe konnte man ihr ansehen. Jeder – und das ohne Ausnahme –, der sie damals sah, sagte, sie würde vor Glück strahlen. Marysia, einer Freundin, die sie besuchte, sagte sie, dass es die glücklichsten Monate ihres Lebens seien. Die Wärme, die ihr der Junge schenkte, ließ sie das Ghetto vergessen. Dieses Glück währte drei Monate. Dann – vielleicht war das Geld aufgebraucht – wurde sie zusammen mit dem Jungen [an die Deutschen] ausgeliefert.

In einem noch im Februar 2009 erteilten Interview sagte der Autor: Ich beschreibe das, was ich gesehen habe und was ich immer noch vor Augen habe. Dass sich die Menschen angesichts schwerster Lebensbedingungen aneinander schmiegten, zusammen lebten und einander liebten. Sie lebten kurz, aber ihr Leben war etwas wert, denn sie lebten in Liebe. [...] Dabei war alles ein Werk des Zufalls. Denn es ist die Liebe, die einen erwählt …

Immer wieder unterstreicht Edelman den subjektiven Charakter seines Berichts: Das polnisch-jüdische Gedächtnis. Es gibt nicht das eine jüdische Gedächtnis. Anders ist die Erinnerung eines jüdischen Polizisten, der seine Frau zum Umschlagsplatz brachte, anders eines jüdischen Polizisten, der seine Frau und sein Kind am Leben erhielt. Anders die Erinnerung eines Kindes, das in einem Kloster überlebte, anders die Erinnerung einer Frau, die in Ruhe auf der so genannten arischen Seite überlebte. Anders wiederum die Erinnerung jener, die Tag für Tag von den “szmalcowniks” erpresst wurden, anders jener, die kämpften, anders jener, die aufs Land geflohen waren, um sich dort zu verstecken. Die Beziehung dieser Menschen zur Vergangenheit ist jedes Mal anders.

Ebenso beeindruckend wie das Buch selbst ist das Foto, das den Buchumschlag der polnischen Ausgabe schmückt [Es bleibt zu hoffen, dass sich der deutsche Verlag auch für dieses Motiv entscheidet]: Es zeigt eine Aufnahme von Roman Vishniac, gemacht 1939 irgendwo in Warschau. Drauf zu sehen – die kleine Sarah, die, weil sie keine Schuhe besass, die ganzen Tage in einem feuchten und kalten Souterrain verbringen musste, eingehüllt in ein Federbett. Um ihr ein wenig Freude zu bereiten, malte ihr Vater Frühlingsblumen an die Wand.

Graphic Novel

Nun ein paar Illustrationen, die unmittelbar im Zusammenhang mit meinem Projekt stehen. Sie entstammen zwei Werken, die sich zweifellos als prägend für das Genre Graphic Novel erweisen dürften: Chen Jianghongs An Großvaters Hand und Shaun Tans The Arrival. In beiden Büchern werden Konfliktsituationen (Kulturrevolution/Armut – Emigration) in schlichten, eindringlichen Bildern thematisiert.An Großvaters Hand



Was die Darstellung von Krieg und ethnischen Konflikten betrifft, so haben mich die Arbeiten von Joe Sacco am meisten beeindruckt. Hier eine kleine Auswahl.

Der Junge auf dem alten Foto

Igor Newerly, Der Junge auf dem alten Foto. Ein Gespräch in meinem Garten am 5. August [Rozmowa w sadzie piątego sierpnia. O chłopcu z bardzo starej fotografii], Warszawa: Czytelnik: 2003.

Um mir ein Bild von Korczaks Persönlichkeit, aber auch dem Zusammenleben in Dom Sierot zu machen, habe ich Igor Newerlys Der Junge auf dem alten Foto ausgewählt. Ein Buch von einem Menschen, dem es beschieden war, in der Zeit von 1926-1942 engstens mit dem Alten Doktor zusammenzuarbeiten, zunächst als dessen Sekretär, später als Redaktionsleiter beim Mały Przegląd (Kleine Rundschau).

Der Junge auf dem alten Foto, erstmals 1978 erschienen, soll zunächst junge Menschen mit dem Leben Korczaks vertraut machen. Auch wenn der didaktische Ton – Newerly unterhält sich hier mit einer Gruppe Pfadpfinder – auf den heutigen Leser ein wenig befremdend wirkt, erweckt das Buch den Eindruck, ein authentisches, lebensnahes Bild Korczaks zu liefern. Die Anekdoten aus dem Alltag der Waisenhäuser zeugen davon, dass es sich bei der „Kinderrepublik“ keinesfalls um ein utopisches Projekt handelte. Korczak erscheint hier als sensibler, vertrauenswürdiger Pädagoge, als souveräner und doch stets sympathischer Vorgesetzter, schließlich als eine Art moderner Tyrtaios, der die Bevölkerung mit seinen Radiosendungen ermutigt, als 1939 der Krieg ausbricht. Da der Schwerpunkt der Schilderung auf den Ereignissen vor 1942 liegt, liefert Der Junge auf dem alten Foto wenig Substanz, aus der sich mein Projekt nähren könnte. Dennoch bleibt es eine wichtige Lektüre.



De Brief van den Koning

So heißt die holländische Version von Postamt, erschienen 1916. Sie stellt zweifelsohne die schönste Ausgabe dieses Buches dar. Die Illustrationen – eine davon befindet sich weiter unten – stammen von Rie Cramer.

Das Postamt

Wie bereits erwähnt sollen die letzten Monate im Dom Sierot (speziell: die Ereignisse des Juli 1942) den Ausgangspunkt meiner Darstellung bilden. Eine Zeit äußerster Not. Bereits vor zwei Jahren musste das Waisenhaus ins Ghetto übersiedeln, zunächst in die Chłodna-, dann in die Śliska-Straße. Das lichtdurchflutete Haus in der Krochmalna, das Recht “auf eine eigene Schublade”, die fröhlichen Sommerkolonien im idyllischen “Röschen” – all dies scheint jetzt nur noch ein Traum. Janusz Korczak, ebenso wie seine Mitarbeiter sind verzweifelt. Wie unter diesen Umständen Ruhe bewahren? Wie Trost und Zuversicht spenden? Korczak kommt die Idee, die Kinder ein Theaterstück aufführen zu lassen. Er weiß auch welches: Das Postamt des indischen Dichters Rabindranath Tagore. Ein Theaterstück, das den Kindern bereits bekannt ist – sie haben es schon einmal 1942 zum Pessach-Fest aufgeführt – und das von Amal, einem Jungen erzählt, der schwer krank ist. Der Dorfarzt verbietet ihm, das Haus zu verlassen, und so sehnt sich der Junge danach, in ein Land zu fliegen, “von dem niemand etwas weiß” – ein Land, in das – so erzählt ihm der Nachtwächter – ihn ein Doktor an seiner Hand führen wird, der viel größer ist als der, den er jetzt hat.

Die Kinder sind begeistert. Unter Anleitung von Esther Winogroń, einer jungen Erzieherin, üben sie Tag und Nacht ihre Rollen ein, vergessen dabei Krankheit und Hunger. Indes kreist Korczak unermüdlich im Ghetto umher, auf der Suche nach Essbarem.

Am 18. Juli 1942, um vier Uhr dreißig ist der große Saal im ersten Stock des Waisenhauses zum Bersten voll. Die Truppe spielt – und das, obwohl manches ihrer Mitglieder an hohem Fieber leidet – so überzeugend, dass die Zuschauer wie gefesselt dem Geschehen folgen und dass Korczak an diesem Abend voller Stolz in sein Tagebuch notiert: “Publikumserfolg, Händedrücke, Lächeln, Versuche, ein herzliches Gespräch anzuknüpfen.” Ein letzter Lichtblick in der ausweglosen Situation: Nur vier Tage später, am 22. Juli 1942 beginnen die Nationalsozialisten mit der Deportation der im Ghetto lebenden Juden in das Vernichtungslager Treblinka. Fräulein Esther fällt als erste einer Straßenrazzia zum Opfer.